Unser Nervensystem verstehen – und wie es sich im Körper zeigt
Die Polyvagaltheorie in der Praxis
Vielleicht kennen Sie das: Eigentlich ist gerade nichts Akutes passiert – und trotzdem reagiert Ihr Körper plötzlich, als wäre etwas nicht in Ordnung. Vielleicht fühlen Sie sich innerlich wie gelähmt, kommen kaum ins Handeln oder ziehen sich zurück. Oder Sie sind angespannt, unruhig, gereizt und können nicht abschalten. Und dann gibt es auch Momente, in denen Sie sich ganz bei sich fühlen: ruhig, wach, verbunden und innerlich sicher.
All diese Reaktionen haben mit Ihrem Nervensystem zu tun.
Die Polyvagaltheorie nach Stephen Porges hilft dabei, diese körperlichen und seelischen Zustände besser zu verstehen. Sie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem fortwährend prüft, ob wir uns sicher fühlen oder ob Gefahr droht – oft lange bevor wir bewusst darüber nachdenken können. Unser Körper reagiert dann entsprechend: mit Offenheit, Aktivierung, Rückzug oder Erstarrung.
Wichtig ist: Diese Reaktionen sind nicht falsch. Sie sind keine Schwäche und kein persönliches Versagen. Es sind kluge, sehr alte Schutzmechanismen unseres Körpers. Sie waren ursprünglich dafür da, unser Überleben zu sichern. Manchmal bleiben sie jedoch auch dann aktiv, wenn die ursprüngliche Gefahr längst vorbei ist – oder wenn eine heutige Situation unbewusst an frühere Erfahrungen erinnert.
In der therapeutischen Arbeit kann es sehr entlastend sein, diese Zustände nicht nur zu „erklären“, sondern sie im eigenen Körper wahrnehmen und einordnen zu lernen.
Ventral-vagaler Zustand: Wenn wir uns sicher und verbunden fühlen
In einem regulierten, sicheren Zustand erleben wir uns meist als offen, ansprechbar und innerlich verbunden. Wir können Kontakt aufnehmen, uns ausdrücken, zuhören, fühlen und gleichzeitig bei uns bleiben. Der Körper wirkt dann nicht im Alarm, sondern eher in einer lebendigen Ruhe.
Das kann sich zum Beispiel zeigen durch eine gleichmäßige Atmung, einen ruhigeren Herzschlag, entspanntere Gesichtszüge, einen weicheren Blick, eine klarere Stimme und das Gefühl, im eigenen Körper angenehm anwesend zu sein. Auch Verdauung, Wärme in Händen und Füßen und ein Gefühl von innerer Orientierung hängen oft mit diesem Zustand zusammen.
In der Polyvagaltheorie wird dieser Zustand mit dem ventralen Vagus in Verbindung gebracht. Er steht für Sicherheit, soziale Verbundenheit und die Fähigkeit, mit sich selbst und anderen in Kontakt zu sein.
Sympathikus: Kampf oder Flucht
Wenn Ihr Nervensystem eine Bedrohung wahrnimmt, kann es in Aktivierung gehen. Dann wird Energie bereitgestellt: für Kampf, Flucht, Abgrenzung oder schnelles Handeln. Das kann sehr deutlich sein – etwa als Wut, Panik oder starke Unruhe. Es kann sich aber auch subtiler zeigen, zum Beispiel als ständige innere Anspannung, Gedankenkreisen oder das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen.
Körperlich kann dieser Zustand spürbar werden durch Herzklopfen, flache oder schnelle Atmung, Anspannung in Schultern, Kiefer oder Händen, Ruhelosigkeit, Schwitzen, kalte Hände, einen trockenen Mund oder das Gefühl, „unter Strom“ zu stehen. Oft wirkt dann alles schneller, lauter, enger oder dringlicher.
Auch dieser Zustand ist zunächst ein Schutzversuch. Ihr Körper versucht, Sie handlungsfähig zu machen. Problematisch wird es erst, wenn diese Aktivierung sehr häufig auftritt, lange anhält oder nicht mehr gut abklingen kann.
Dorsaler Vagusnerv: Wenn Rückzug, Erstarrung oder Abschalten einsetzen
Manchmal erlebt das Nervensystem eine Situation als zu viel. Dann reicht Aktivierung nicht mehr aus, und der Körper schaltet in einen anderen Schutzmodus: Rückzug, Erstarrung oder inneres Abschalten. Dieser Zustand kann sich anfühlen wie ein Wegtreten, eine innere Leere, große Schwere oder das Gefühl, nicht richtig erreichbar zu sein – weder für sich selbst noch für andere.
Im Körper zeigt sich das häufig durch bleierne Müdigkeit, Antriebslosigkeit, eine sehr flache oder stockende Atmung, Kältegefühl, blasse Haut, niedrigen Blutdruck, langsamen Puls, Taubheit, Konzentrationsprobleme oder einen „Nebel im Kopf“. Auch die Verdauung kann in diesem Zustand deutlich herunterfahren.
In der Polyvagaltheorie wird dieser Zustand mit dem dorsalen Vagus in Verbindung gebracht. Auch hier geht es um Schutz. Der Körper versucht, Belastung zu reduzieren, indem er Energie spart und sich zurückzieht. Für Betroffene kann das sehr verunsichernd oder beschämend sein – dabei ist es eine zutiefst körperliche Reaktion.
Und dazwischen? Mischzustände des Nervensystems
Unser Nervensystem bewegt sich nicht streng in einzelnen Schubladen. Oft wechseln Zustände schnell oder überlagern sich. Manchmal sind zwei Reaktionsweisen gleichzeitig aktiv. Diese sogenannten Mischzustände sind ganz normal – und sie können sehr unterschiedlich erlebt werden.
Ein paar Beispiele:
- Sicherheit und Aktivierung: Sie fühlen sich wach, lebendig, kreativ und motiviert. Es ist Energie da, aber sie fühlt sich verbunden und freudig an – zum Beispiel beim Tanzen, Spielen, kreativen Arbeiten oder in lustvoller Begegnung.
- Sicherheit und tiefe Ruhe: Der Körper ist entspannt, vielleicht sogar sehr ruhig, und gleichzeitig bleiben Sie präsent. Das kann beim Kuscheln, Meditieren, Dösen oder in einem Moment von tiefer Geborgenheit spürbar sein.
- Aktivierung und Erstarrung: Dieser Zustand kann sehr unangenehm sein. Ein Teil des Körpers möchte fliehen, kämpfen oder handeln, während ein anderer Teil wie blockiert. Das kann sich anfühlen wie Feststecken, Blackout, innere Panik bei äußerer Starre oder Dissoziation.
Gerade diese Zwischenzustände sind oft wichtig zu verstehen, weil sie viele innere Widersprüche erklären können: „Ein Teil von mir will weg, aber ich kann mich nicht bewegen.“ Oder: „Ich bin total angespannt, aber gleichzeitig wie abgeschaltet.“
Warum dieses Verständnis hilfreich sein kann
Wenn Sie lernen, die Zustände Ihres Nervensystems zu erkennen, kann sich etwas verändern. Sie müssen sich nicht mehr für jede Reaktion verurteilen oder sich fragen, warum Sie „schon wieder so sind“. Stattdessen entsteht mehr Verständnis dafür, was Ihr Körper gerade versucht.
Das bedeutet nicht, dass sich jeder Zustand einfach wegatmen oder schnell verändern lässt. Manche Reaktionen brauchen Zeit, Sicherheit und eine sehr behutsame Annäherung. Aber Sie können lernen, die Signale Ihres Körpers besser wahrzunehmen, sie einzuordnen und sich Schritt für Schritt wieder mehr Sicherheit zu ermöglichen.
In der Therapie geht es dabei nicht darum, den Körper zu kontrollieren. Es geht vielmehr darum, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und neue Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung und Selbstwirksamkeit möglich zu machen – in Ihrem Tempo und auf eine Weise, die zu Ihnen passt.
Gerne begleite ich Sie auf diesem Weg.

